[Korruption auf den Philippinen] HOW TO STAND UP TO A DICTATOR - Deutsche Ausgabe #9/128
Einige Monate, nachdem ich mich eingelebt hatte, fragte mich Miss Ugland,
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eine Lehrerin, die ich abgöttisch liebte, ob ich mir vorstellen könne, in ein anderes Klassenzimmer umzuziehen: Die Schule wolle mich in eine höhere Jahrgangsstufe versetzen. Ich fing gerade an, mich wohlzufühlen, und die mögliche Veränderung machte mir Angst. Da sagte sie zu mir: »Maria, hab keine Angst.« Also wurde ich Mitte des Jahres von der dritten in die vierte Klasse versetzt und fing wieder von vorne an – und gelangte zu meiner zweiten Erkenntnis: Man muss sich seiner Angst stellen.
Der Auslöser? Ich wusste nicht, was »Pyjamaparty« bedeutete. In Manila hatte es so etwas nicht gegeben, oder zumindest hatten wir es nicht so genannt. Doch ich bekam eine Einladung zu einer »Pyjamaparty« von Sharon Rokozny, dem coolsten Kind in meiner Klasse, und als ich meine Mutter fragte, was das für eine Party sei, antwortete sie: »Das ist eine Party, zu der man im Schlafanzug geht!« Das machte Sinn. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass Sharon mich eingeladen hatte.
Am verabredeten Tag zog ich meinen Schlafanzug an und stieg mit meinem Vater, meiner Mutter und meiner Schwester ins Auto. Als wir in die Sackgasse einbogen, wo Sharon wohnte, sah ich meine Klassenkameraden auf dem Rasen vor dem Haus Kickball spielen. Niemand trug einen Schlafanzug.
In Panik wandte ich mich an meine Mutter, die verlegen zugab, dass sie auch nicht so recht wisse, was eine »Pyjamaparty« eigentlich sei. Zu diesem Zeitpunkt hatten meine Klassenkameraden unser Auto bereits gesehen; wir konnten nicht mehr wegfahren. Als der Wagen hielt, warf ich meinen Eltern einen Blick zu, bevor ich die Tür öffnete. Dann stieg ich aus.
Meine Klassenkameraden hörten auf zu spielen und sahen mich an. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Da kam Sharon zum Auto. »Oh, du hast deinen Pyjama an«, sagte sie.
»Ich dachte, wir sollten das tun«, murmelte ich am Rande der Tränen. Es hatte mich meinen ganzen Mut gekostet, aus dem Auto zu steigen, und jetzt hatte ich keinen mehr.
Sharon nahm meine Hand, schnappte meine Tasche und führte mich zum Haus. »Du kannst reingehen und dich umziehen«, sagte sie, während ich mir die Augen abwischte und meinen Eltern zuwinkte. Gut, dass ich Extrakleidung eingepackt hatte.
Wenn man ein Risiko eingeht, muss man darauf vertrauen, dass einem jemand zu Hilfe kommt; und wenn man selbst an der Reihe ist, hilft man jemand anderem. Es ist besser, sich seiner Angst zu stellen, als vor ihr wegzulaufen, denn durch Weglaufen verschwindet das Problem nicht. Wenn man sich der Angst stellt, hat man die Chance, sie zu besiegen. So begann ich, Mut zu definieren.
Meine dritte Erkenntnis war, dass man sich gegen Tyrannen auflehnen muss, was damals mit einer Vielzahl von Dingen verbunden war: Angst, Akzeptanz, Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Beliebtheit. Da mir alles fremd war, blieb mir meist nichts anderes übrig, als still zu bleiben, zu beobachten und zu lernen. Weil ich mich ohnehin schon so sehr von den anderen unterschied, hatte ich viel weniger das Bedürfnis, mich anzupassen, und konnte mir den Luxus leisten, die Masse zu beobachten und zu verstehen, ohne jemals Teil von ihr zu sein.
In jenem Jahr hatte ich eine Klassenkameradin, die ich im Folgenden Debbie nennen will, ein ruhiges, schlichtes Mädchen, das verspottet wurde, weil es Polyesterhosen trug. Alle machten sich über Debbie lustig, obwohl ich nicht ganz verstand, warum. Ich wollte auf keinen Fall den Mund aufmachen und fragen – was wäre, wenn die Leute sich dann über mich lustig machen würden?
Heute habe ich eine Redewendung für diese Situation: Schweigen ist Mitschuld.
Ich spielte Geige, und Debbie spielte Bratsche. Eines Tages, nach unserer Schulorchesterprobe, sah ich Debbie in einer Ecke des Proberaums weinen. Mein Instinkt riet mir wegzugehen, denn wenn ich stehen bliebe, um sie zu fragen, was los sei, könnten die anderen dies bemerken und mich ebenfalls zur Zielscheibe machen. Keiner sprach mit Debbie, außer um sie zu hänseln. Dann erinnerte ich mich an die goldene Regel aus der Bibel: »Alles, was ihr wollt, dass die Menschen euch tun, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.«
Ich traf eine Entscheidung. Ich verließ den Proberaum, ging zur Toilette auf der anderen Seite des Flurs, holte ein Papiertuch, brachte es Debbie und fragte sie, was los sei. Sie erzählte mir, dass ihr Vater schon seit Monaten im Krankenhaus liege.
Das Gespräch mit ihr ermutigte mich, auch weiterhin mit ihr zu reden. Irgendwann lud ich sie ein, bei mir zu übernachten. Es stellte sich heraus, dass sie deshalb Polyesterhosen trug, weil ihre Familie Mühe hatte, über die Runden zu kommen, und die Hosen billig waren.
Danach begann ich, mich für Debbie einzusetzen.
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