[Korruption auf den Philippinen] HOW TO STAND UP TO A DICTATOR - Deutsche Ausgabe #8/128

Als ich zur Highschool ging, besuchte er abends das College. Erst später wurde mir klar, wie viel meine Eltern geopfert hatten, um ihren Kindern eine Chance zu geben. Sie wollten, dass wir ein gutes Leben hatten und gute Schulen besuchten – und so war es auch.

Als ich das Klassenzimmer meiner dritten Klasse in der weitläufigen, aus rotem Backstein errichteten Silver Bay Elementary School betrat, war ich mit meinen 1,20 Metern das kleinste Kind – und das einzige mit brauner Hautfarbe. Obwohl ich Englisch verstand und sprechen konnte, war meine Hauptsprache zu Hause Tagalog, also Filipino. Ich staunte über das laute, selbstbewusste Auftreten meiner Klassenkameraden und war schockiert darüber, wie unhöflich sie gegenüber unserer Lehrerin waren.

Ich war froh zu sehen, dass die Schule, wie schon St. Scholastica’s auf den Philippinen, das SRA Reading Lab einsetzte, eines der ersten personalisierten Lernprogramme für Lesen, Schreiben und Verstehen, das es den Schülern ermöglichte, in ihrem eigenen Tempo zu lernen. Ich trat gern gegen mich selbst und meine Klassenkameraden an und war in St. Scholastica’s recht gut vorangekommen. Als ich in den hinteren Teil meines neuen Klassenzimmers ging, um meine SRA-Leseverständniskarte zu holen, mit der unsere Fortschritte erfasst wurden, verkündete eines der größten und lautesten Kinder dem Rest der Klasse, dass man für mich die Schachtel mit einem ganz neuen Lernabschnitt öffnete, den noch kein anderer Schüler bearbeitete. Da wusste jeder, dass ich fortgeschritten war.

Ich bin von Natur aus schüchtern, ein introvertierter Mensch. Der Übergang zum amerikanischen Leben war für mich so einschneidend, dass ich fast ein Jahr lang nicht sprach, wie meine Lehrer später erzählten. Ich erinnere mich an mein Schweigen als Lernen, als Fortsetzung der »Sprich, wenn du angesprochen wirst«-Mentalität meiner Erziehung und Schulzeit auf den Philippinen. Dabei saugte ich meine neue Welt auf wie ein Schwamm.

Irgendwie erkannten die Lehrkräfte der Silver Bay Elementary School den Grund für mein Schweigen und halfen mir, mich anzupassen. Eine Lehrerin, Mrs. Rarick, erteilte mir jede Woche kostenlos Klavierunterricht, was mir Halt gab. Meine Großmutter hatte immer betont, dass mein Vater Klavier gespielt habe, dass sie einer Familie von Kunstmäzenen entstamme

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und dass mein Onkel Konzertpianist gewesen sei.

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Irgendwie übernimmt man die Träume, die in der Luft um einen herum schweben. Das Klavierspielen verband mich mit der Vergangenheit und gab mir ein Gefühl der Freiheit: Ich musste weder sprechen noch eine neue Sprache lernen. Alles, was ich tun musste, war zu üben, bis ich spielen und Musik erschaffen konnte. Ich begriff früh, dass man stundenlang üben muss, um wirklich gut zu spielen, damit man die Technik loslassen kann, wenn man auftritt. Wenn die Welt erdrückend wurde, lenkte ich meine Energie ins Klavierspielen.

Selbstverständlich wollte ich aber auch so sein wie alle anderen. Ich stand vor dem Spiegel, versuchte, englische Wörter richtig auszusprechen, und wünschte mir, ich hätte hellere Haut und blondes Haar. Wenn man nicht weiß, wer man ist, und die eigene Welt auf den Kopf gestellt wurde, will man nicht auffallen.

Aus dem Jahr, in dem ich in die Vereinigten Staaten zog, sind mir drei wichtige Erkenntnisse geblieben. Sie rücken in meinem Leben immer wieder in den Fokus, obwohl sich der Kontext laufend ändert. Jedes Mal gewinnen sie eine neue Bedeutung.

Die erste war die Entscheidung zu lernen. Das bedeutete, sich auf Veränderungen einzulassen und den Mut zum Scheitern aufzubringen; Erfolg und Scheitern sind zwei Seiten derselben Medaille. Man kann nicht erfolgreich sein, wenn man nicht irgendwann einmal versagt hat. Die meisten Menschen, so wurde mir klar, wählten die Bequemlichkeit und blieben bei dem, was ihnen vertraut war: alte Freunde, Routinen, Gewohnheiten.

Der Umzug in die Vereinigten Staaten stellte für mich alles infrage, was mich ausmachte. Was nehme ich mit? Was lasse ich zurück? Wer bin ich? Sogar mein Name war ein anderer: Als ich mein Klassenzimmer in Manila verlassen hatte, war ich Angelita Aycardo gewesen, und jetzt war ich Maria Ressa. Ich war in eine völlig neue Welt gezogen, mit einer neuen Sprache, neuen Sitten, neuen kulturellen Signalen, die alle außer mir verstanden. Es war so überwältigend, dass ich in jenem ersten Jahr irgendwann nicht mehr aus dem Haus gehen wollte.

Also konzentrierte ich mich auf das, was ich messen konnte: meine Fortschritte mit dem SRA Reading Lab und wie schnell ich Hanons Übungen für das Klavier durcharbeiten konnte. Vieles lernte ich aus Büchern, darunter auch, wie man Basketball spielt. An den Wochenenden nahm ich ein Buch mit zum Basketballplatz der Schule, legte es auf den Asphalt und befolgte Schritt für Schritt die Anweisungen, wie man einen Ball dribbelt, wie man einen Freiwurf ausführt. Alles, was ich lernte, setzte ich um. Ich brauchte nur zu üben.



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