[Korruption auf den Philippinen] HOW TO STAND UP TO A DICTATOR - Deutsche Ausgabe #6/128

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Sie lehrte mich, in der Schule hart zu arbeiten, und erzog mich dazu, geduldig auf den Lohn für meine Mühen zu warten: Die Münzen, die ich mir von meinem Essensgeld absparte, steckte ich in eine Flasche, die sich nach und nach füllte. Meine Großmutter versuchte auch, meine Ansichten zu beeinflussen; sie erzählte mir, dass meine Mutter nichts tauge und dass sie in die Vereinigten Staaten gegangen sei, um sich zu prostituieren.

Das war für mich als Tochter nicht leicht zu verarbeiten, vor allem, weil meine Mutter in regelmäßigen Abständen zu Besuch kam. Mindestens einmal im Jahr war sie bei uns zu Gast, und das stellte den gesamten Haushalt auf den Kopf. Obwohl ich noch sehr jung war, konnte ich die Spannungen zwischen meiner Mutter und meiner Großmutter spüren. Es war ein unterschwelliger Streit, der mich oft zwang, Stellung zu beziehen.

In meinem Kopf flackern schwarz-weiße Erinnerungen an diese Besuche auf: Als ich etwa sieben oder acht Jahre alt war, saß ich mit meiner Mutter und meiner Schwester auf einem Bett. Meine Mutter war in meiner Wahrnehmung geradezu überirdisch: zierlich, schön, immer zum Lachen aufgelegt. Einmal unterhielt sie sich gerade mit meiner Schwester, als mir ein neues Wort einfiel, mit dem ich angeben wollte. Ich wartete auf den richtigen Moment und warf es dann ein.

»Unglaublich!«, rief ich. Es herrschte einen Moment lang Stille, bevor meine Mutter in Gelächter ausbrach. Dann umarmte sie mich.

Ich besuchte das St. Scholastica’s College, eine katholische Mädchenschule, gegründet und geleitet von deutschen Missions-Benediktinerinnen. Dort kam ich in eine spezielle Pilotklasse; meine Mitschülerinnen und ich schnitten in den Tests gut ab und galten daher als »klüger« als die anderen Kinder. Zumindest war es das, worüber meine Klassenkameradin Twink Macaraig und ich immer lachten.

Das endete mit dem Tag, an dem meine Mutter meine Schwester und mich aus der Schule entführte.

Es schien ein Tag wie jeder andere, als ich das Klassenzimmer betrat. Grelle Sonnenstrahlen fielen durch die Fenster. Ich stellte meine Schultasche ab und klappte den Deckel meines Holzpults hoch. Dann hörte ich eine Stimme meinen Namen rufen. »Mary Ann!«

Nur meine Familie nannte mich so – eine Verkürzung meiner beiden Vornamen, Maria Angelita. Ich drehte mich erschrocken um und sah meine Mutter mit der Schulleiterin, Schwester Gracia, vor dem Klassenzimmer stehen. Sie kamen zu meinem Pult und halfen mir, alles wieder in meine Tasche zu packen. Als wir hinausgingen, blickte ich mich noch einmal nach meinen Freunden um, die mich anstarrten.

Wir gingen weiter zum Klassenzimmer meiner Schwester. Sie wartete schon vor der Tür mit der Schwester meiner Mutter, Mencie Millonado, und einer weiteren Ordenslehrerin. Als sie unsere Mutter sah, rannte Mary Jane los, um sie zu umarmen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir allein auf dem Flur. Mary Jane und Mom weinten beide. Dann hörte ich, wie meine Mutter leise vor sich hin murmelte, dass sie uns nach Amerika mitnehmen wolle.

Ich erinnere mich, dass ich mich in diesem Augenblick in der Schule umsah und instinktiv wusste, dass nichts mehr so sein würde wie bisher. In solchen Situationen sucht man nach Ankern. Meiner war das Bibliotheksbuch in meiner Tasche, das ich am selben Tag hätte zurückgeben müssen.

Als wir zum Tor gingen, erzählte ich meiner Mutter von dem Buch. Sie antwortete, dass wir es an einem anderen Tag zurückbringen würden.

Ein Auto war am Bürgersteig geparkt worden, und wir stiegen ein. Sobald wir auf die Sitze geklettert waren, stellte uns meine Mutter den Mann auf dem Beifahrersitz vor. »Mary Ann, Mary Jane«, sagte sie, »das ist euer neuer Vater.«

In einem einzigen Augenblick kann sich alles verändern.

Ich kehrte an jenem Tag nicht mehr ins Haus meiner Großeltern oder in die Schule zurück. An einem Tag waren sie meine Welt. Am nächsten Tag waren sie es nicht mehr. Die Tür zu jener Welt war für immer geschlossen, und eine neue Realität öffnete sich. Ich war zehn Jahre alt.

Etwa zwei Wochen später befanden wir uns in einem Flugzeug der Northwest Airlines mit einer Zwischenlandung in Alaska. Es war der 5. Dezember 1973. Ich starrte aus dem Flugzeugfenster und nahm mir vor, das Datum nicht zu vergessen. Ich wusste nicht, was als Nächstes geschehen würde, aber es war das erste Mal, dass Mary Jane und ich Schnee sahen.

Als wir auf dem John F. Kennedy International Airport in New York landeten, war es dunkel und eiskalt – eine Kälte, die ich noch nie zuvor gespürt hatte. Mein Stiefvater nahm unsere Koffer. Ich überlegte immer noch, wie ich ihn anreden sollte, obwohl meine Mutter sagte, ich solle ihn Daddy nennen, und meine Tante Mencie meinte: »Versuch es mit Daddy Ressa.« Als wir noch in Manila gewesen waren, hatte jemand um ein Foto mit ihm gebeten.



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