[Korruption auf den Philippinen] HOW TO STAND UP TO A DICTATOR - Deutsche Ausgabe #15/128

Kapitel 3
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Schnelligkeit durch Vertrauen
Verletzlichkeit zulassen

Dschungeltraining, späte 1980er-Jahre.

Schiebetüren. Ich hatte mich immer gefragt, wie anders ich wohl wäre, welches Leben ich führen würde, wenn meine Eltern mich auf den Philippinen gelassen hätten. Als ich den Flughafen von Manila verließ, traf ich auf eine Wand aus Feuchtigkeit, Hitze und Lärm. Es war das erste Mal seit dreizehn Jahren, dass ich zurückkehrte.

Ich fuhr nach Quezon City, um meine Großmutter väterlicherseits zu besuchen, die in meiner kindlichen Erinnerung groß und stattlich war. Vergangenheit und Gegenwart prallten aufeinander, als ich feststellte, dass sie nur wenige Häuser von Cory Aquinos Haus in der Times Street entfernt wohnte, das seit deren Ernennung zur Präsidentin von Sicherheitskräften umgeben war. Während ich im Wohnzimmer wartete, blickte ich auf den Marmorboden und nach draußen in den ungepflegten Hof, der sich in meinem Gedächtnis fast ins Unendliche erstreckt hatte. Jetzt sah alles klein aus.

Meine Großmutter kam aus ihrem Zimmer und trat vor den Altar im Flur, wo wir einst alle zusammen gebetet hatten. Ich blieb wie angewurzelt stehen, als sie sich vor mir niederließ. Sie war viel kleiner, als ich sie in Erinnerung hatte, ein wenig gebeugt, nicht ganz so stattlich. Sie begann zu sprechen, und zwar mit einem starken Akzent. Das war verwirrend. Irgendwie sprach sie in meinem Kopf amerikanisches Englisch. Ich blickte auf das wuchernde Gras im Hinterhof und erinnerte mich an den Weg zu den Zimmern des Dienstmädchens im hinteren Bereich. Oder hatte ich mir das nur ausgedacht? Es lag ein Hauch von Verfall in der Luft, und alles erinnerte mich an Miss Havisham in Charles Dickens’ Roman Große Erwartungen .

In diesem gegenwärtigen Augenblick der Vergangenheit wurde alles miteinander abgeglichen.

Zum Teil war ich dort, um meiner Großmutter dafür zu danken, dass sie mir die Werte vermittelt hatte, anhand derer ich zu dem Menschen werden konnte, der ich war. Aber das wirkliche Leben ist weitaus komplizierter, und Erinnerungen sind trügerisch. Sie begann mit einem Seitenhieb auf meine Erziehung und versuchte immer noch, mich gegen meine Mutter aufzubringen. Während ich ihr zuhörte, kommentierte ich das Ganze in meinem Kopf, nickte dabei aber mehrmals zustimmend. Ich war ratlos, auch weil ich so amerikanisch und meine Großmutter so philippinisch war. Ich glaube, ich enttäuschte sie genau so, wie sie mich enttäuschte. Irgendwie hatte ich gedacht, dass ich durch meine Rückkehr unmittelbar Antworten auf die Frage nach meiner eigenen Identität erhalten würde.

Ich konzentrierte mich stattdessen auf mein Fulbright-Stipendium. Bevor ich nach Manila aufgebrochen war, hatte ich die Inszenierung meines Thesenstücks Sagittarius beim Edinburgh Festival Fringe abgeschlossen. Für das Plakat des Stücks hatte ich die letzte Titelseite der Philippines Free Press , eines englischsprachigen philippinischen Nachrichtenmagazins, verwendet. Die Karikatur auf der Titelseite hatte einen Tag vor der Verhängung des Kriegsrechts durch Ferdinand Marcos die Frage gestellt: »Willst du unter einem Diktator leben?« Mein Antrag im Rahmen des Fulbright-Programms war es, die Rolle des politischen Theaters bei der Herbeiführung politischen Wandels zu untersuchen.

Also schloss ich mich der seit neunzehn Jahren bestehenden Philippine Educational Theater Association (PETA) an, einer Plattform für Agitations- und Propagandatheater, die eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von People Power gespielt und die Menschen auf die Straße gebracht hatte, um Marcos zu stürzen. Eine Zeit lang herrschte im Lande Jubelstimmung; die Philippiner waren stolz auf ihren Mut und hoffnungsvoll, was die Zukunft wohl bringen würde.

Meine Mutter erzählte mir, dass ich sie, als sie uns im November 1973 von der Schule abgeholt habe, um in die Vereinigten Staaten zu gehen, unter anderem gefragt hätte: »Was ist mit Twink?«

Muriel »Twink« Macaraig und ich kannten uns, seit wir vier bzw. fünf Jahre alt waren. Seltsame Diminutive sind auf den Philippinen ganz normal – als »Boy« verniedlichte erwachsene Männer oder Regierungsbeamte, die »Joker« genannt werden. Ich erinnerte mich an Twink als eine der Größten in meiner dritten Klasse, ausgelassen, immer auf den Beinen, mit einem dünnen Schweißfilm auf der Oberlippe. Wir hatten uns jedoch nicht mehr gesehen, seit ich 13 Jahre zuvor das Klassenzimmer verlassen hatte. Durch meine Cousine hatte sie erfahren, dass ich auf die Philippinen zurückkehren wollte. Später erzählte sie mir, was für ein Aufsehen unsere »Entführung« 1973 erregt habe, weshalb sie so neugierig sei zu hören, was aus mir geworden sei.

Twink war zu einer zierlichen, hübschen, selbstbewussten Frau herangewachsen, die wie viele andere nach der People-Power-Bewegung beschlossen hatte, sich als Moderatorin beim staatlichen Sender People’s Television 4, kurz PTV4, zu bewerben. Sie stammte aus einer Familie von Anwälten und Journalisten und liebte es, Geschichten zu erzählen: lustige, fesselnde Anekdoten, die mich viel über ihre Philippinen lehrten.

Sie setzte unsere Freundschaft fort und nahm mich mit in ihre Welt.



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