[Korruption auf den Philippinen] HOW TO STAND UP TO A DICTATOR - Deutsche Ausgabe #13/128

Bei allem, was sie angingen, schnitten diese Menschen gut, ja, sogar hervorragend ab, schrieb Miller. Sie würden bewundert und beneidet; sie seien erfolgreich, wann immer sie es wollten. Hinter alledem lauerten jedoch Depressionen, innere Leere, Selbstentfremdung und das Gefühl, dass ihr Leben keinen Sinn habe.

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Als ich dies las, erinnerte ich mich an den Teufel auf meiner Schulter, der mich immer wieder dazu antrieb, alles noch besser zu machen. Laut Miller war der Zugang zur Gefühlswelt der eigenen Kindheit gestört – gekennzeichnet durch mangelnden Respekt, den inneren Drang, zu kontrollieren und zu manipulieren, und das Streben nach Leistung.

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Ich erkannte, dass ich viele meiner Kindheitserfahrungen – die abrupte Abreise aus meiner Heimat, die Schrecken des Außenseiterdaseins in New Jersey – möglicherweise verdrängt hatte, um zu überleben und ein erfolgreicher, sogar mächtiger Mensch zu werden. Dabei war es für mich von entscheidender Bedeutung, niemals manipulativ zu sein oder meine Macht zu missbrauchen. Ich wollte meine Ambitionen mit der goldenen Regel in Einklang bringen: »Behandle andere Menschen so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.«

Ein weiterer Schlüsseltext für mich in dieser Zeit war T. S. Eliots Essay »Tradition und individuelle Begabung«. Er argumentierte, dass die Art und Weise, wie man William Shakespeare lese, durch den letzten Roman beeinflusst sei, den man gelesen habe, und dass der letzte Roman, den man gelesen habe, wiederum dadurch beeinflusst sei, dass man Shakespeare gelesen habe. Dieser Gedanke stellt die Begriffe von Zeit, Raum und Tradition infrage, weil Vergangenheit und Gegenwart nebeneinander bestehen, sich gegenseitig verändern und die Zukunft erschaffen. Das Gefühl der Kunst sei unpersönlich, schrieb Eliot. Der Dichter könne diese Unpersönlichkeit nicht erreichen, ohne sich ganz dem Werk hinzugeben, das er zu vollbringen habe. Was zu vollbringen sei, könne er nur wissen, wenn er nicht nur in der Gegenwart, sondern im gegenwärtigen Augenblick der Vergangenheit lebe, sich also des Toten und des Lebenden gleichermaßen bewusst sei.

Der gegenwärtige Augenblick der Vergangenheit.

Ich begann zu begreifen, dass das Kunstwerk, das man kreiert, das eigene Leben ist; dass die Person, die man heute ist, von allen früheren Ichs erschaffen wurde (zum Beispiel der Person, die man im Alter von zehn Jahren war), dass aber das heutige Handeln diese früheren Versionen des eigenen Selbst verändert. Ich musste nicht das leistungsorientierte Kind bleiben, das sich von sich selbst, seiner Vergangenheit und seinen Gefühlen entfremdet hatte. Die Person, die ich bin, ist ein Akt der Schöpfung; ich kann die Vergangenheit ergreifen und alles, was ich gelernt habe, in etwas Neues verwandeln. Ich habe die Kontrolle darüber, wer ich bin und wer ich sein will.

Als Pragmatikerin war ich mir nun eines Problems bewusst. Also machte ich mich daran, es auf eine möglichst konstruktive Weise zu lösen: eine Kombination von Mr. Spock und Captain Kirk.

Ich stellte mich einer doppelten Herausforderung: erstens, die Welt und meinen Platz in ihr zu verstehen, und zweitens, mein Selbstvertrauen zu stärken und dabei gleichzeitig mein Ego zu kontrollieren. Ich strebte nach einem »leeren Spiegel«

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, eine Vorstellung, die ich einem Buch über ein buddhistisches Kloster entnommen hatte – vor einem Spiegel stehen und die Welt sehen, ohne dass mein eigenes Ebenbild die Sicht versperrte. Ich wollte mich selbst so gut kennen, dass ich mich aus der Gleichung herausnehmen könnte, wenn ich mich der Welt um mich herum näherte und auf sie reagierte. Das ist Selbstlosigkeit.

Politik oder Weltgeschehen interessierten mich damals noch nicht. Als ich auf dem Campus an einer Gruppe von Studenten vorbeikam, die gegen die Apartheid in Südafrika demonstrierten, blieb ich nicht stehen, um ihre Petition zu unterschreiben.

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Ich wusste nicht, worum es ging, und ich hatte es eilig, zum Unterricht zu kommen. Die Philippinen waren für mich nur eine vage, faszinierende Erinnerung, doch für meine Abschlussarbeit begann ich mit den Recherchen für ein Theaterstück namens Sagittarius
, mit dem ich versuchen wollte, meine persönlichen Dämonen zu bekämpfen – eine politische Allegorie, die sowohl die Situation auf den Philippinen als auch meine Familiengeschichte widerspiegeln sollte.

Ferdinand Marcos war bis weit in meine Studienzeit hinein Präsident der Philippinen geblieben. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits ein Diktator, der Wahlen manipulierte, das Militär zur Durchsetzung seiner Macht einsetzte und eine Kleptokratie aufbaute, die es ihm ermöglichte, seinem Volk rund zehn Milliarden Dollar zu stehlen. Seine Frau Imelda besaß eine berüchtigte Schuhsammlung und kaufte teures Parfüm nicht pro Unze, sondern gallonenweise. Der Prunk, den die beiden zur Schau trugen, war so krass, dass ihr Volk dadurch erniedrigt wurde.

Am 21. August 1983 kehrte der im Exil lebende Oppositionsführer und langjährige Marcos-Gegner Benigno »Ninoy« Aquino jr. auf die Philippinen zurück.



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